Besiedelung Europas vor und nach der letzten Eiszeit
Ich habe mich einmal gefragt, warum wir so interessiert sind, was vor unserer Zeit bis in die Zeit unserer Entstehung geschah? Wir wollen wissen wer wir sind und woher wir kommen. Der Blick in die Vergangenheit hilft uns, damit wir uns heute besser verstehen.
Das ist der Wunschtraum aller Erforscher der Vergangenheit: Eine Holzschale zu finden, in der sich ein Schriftdokument neben einer genetischen Spur und ein Steinwerkzeug befindet. Wir wüssten auf einen Schlag, wann und wo der Mensch dieses Zahns lebte, welche Sprache er sprach, welche Werkzeuge er herstellte und welcher genetischen Linie er zugeordnet werden kann. Und von derartigen Funden bräuchten wir Tausende!
Solange solche Funde nicht gemacht werden, müssen wir uns durch das Dunkel unserer Vorgeschichte tasten. Wir werden sehen, dass uns die Klimakunde, Archäologie, Sprachwissenschaft und Genetik dabei helfen können.

Ich beginne mit der Archäologie.
Die Aurignacien Kultur war die erste Steinzeitkultur, die man vom modernen Menschen in Europa gefunden hat. Dies sind die typischen Artefakte d.h. Formen.

Die Aurignacien Kultur kam vom Osten her nach Europa. Das sind die verschiedenen Ausbreitungsphasen per Carbon-Datierung.
Es folgten eine ganze Reihe von Steinkulturen, die sich zeitlich aufreihen lassen.
Das Gravettien folgte dem Aurignacien. Es waren dieselben Einwanderer, die sich weiterentwickelt hatten. Es existierte von 31.000 bis 22.000 Jahren vor heute und ähnelt sehr der Dabban Kultur in Nord Afrika, die vor 45.000 bis 15.000 Jahren belegt ist, was auf Kontakte übers Mittelmeer zwischen beiden Regionen schließen lässt. Die nächste Entwicklung ist das Solutrien. Es dauerte vergleichsweise kurz, von 21.000 bis 19.000 Jahren vor heute.

Und jetzt wird's interessant
Als die letzte Eiszeit begann, vor etwa 20.000 Jahren, waren die Menschen gezwungen, sich in wärmere Gebiete zurückzuziehen, um zu überleben. Diese Karte stellt die Wärmeregionen während der Eiszeit dar. Was hier Grüntöne hat, war warm genug, dass man überleben konnte. Die Küstenlinie ging weiter ins Meer. Nur während dem Sommer gingen die Menschen auch weiter nördlich jagen, aber im Winter mussten sie sich wieder in den Süden zurückziehen. Südfrankreich interessiert uns besonders:

Denn das Magdalénien entstand in diesem eiszeitlichen Rückzugsgebiet. - Als sich die Erde vor etwa 10 000 Jahren dann wieder erwärmte, konnten die Menschen von diesem Rückzugsgebiet aus Europa weiträumig und das ganze Jahr über besiedeln und trugen diese Kultur mit sich. Die Funde kann man über die Carbon-Datierung einordnen. Ich habe für Sie die verschiedenen Phasen auf der Karte dargestellt.
Die Region um Freiburg, auch als “Deutsche Toskana” bezeichnet, war der erste dauerhafte Siedlungsort für die ehemaligen Eiszeitmenschen.
Wir merken uns: Südfrankreich war das Rückzugsgebiet während der Eiszeit und von dort aus erfolgte die Wiederbesiedelung eines Großteils Europas.

Soweit die Archäologie - nun gehen wir zur Sprachwissenschaft
Welche Sprache sprachen diese Menschen? Kann man überhaupt nach mehr als 10.000 Jahren eine Sprache rekonstruieren? Eigentlich kaum.
Professor Theo Vennemann an der Universität in München hat 1993 einen Vorschlag dazu gemacht. Er erforschte die europäischen Ortsnamen, die in ihren Wortbausteinen alle sehr ähnlich sind.
Auf dieser Karte sehen Sie über Europa verteilt Wortbausteine bestimmter Örtlichkeitsnahmen für Berge, Täler, Flüsse, Städte und Landschaftsformen.
Die meisten Sprachwissenschaftler sehen in diesen Wortbausteinen, einen indogermanischen Ursprung. Die meisten Sprachen hier in Europa sind ja indogermanisch. Aber diese These wird von einigen Sprachwissenschaftlern, darunter Theo Vennemann, angezweifelt. Widersprüchliche Zeitabläufe und linguistische Unsicherheiten waren für diese Sprachwissenschaftler ein Grund, nach anderen Lösungen zu suchen.

Theo Vennemann betrachtete die Karte Europas während der letzten Eiszeit. Ihm fiel sofort Südfrankreich auf. In dieser Region konnten die Menschen die Kälteperiode überleben. Und in dem damaligen Eiszeitrefugium wird heute Baskisch gesprochen.
Baskisch ist eine isolierte Sprache. Sie unterscheidet sich von allen anderen Sprachen der Welt - ist also mit keiner verwandt. Hier sehen wir noch andere nichtindogermanische Sprachen. Aber die zählen jetzt nicht.

Vennemann suchte nach baskischen Wortbausteinen (Etyma), die die Ortsnamen besser erklären sollten als die indogermanischen Herleitungen. Und er fand eine Reihe von baskischen Wörtern, die diese Ortsnamen besser deuten lassen.
Vennemann rekonstruierte das baskische Etymon: +is- für ‘Wasser’ auf der vorigen Karte die roten Punkte. Dabei sucht man nach den ältesten bekannten schriftlichen Urkunden dieser Namen und rekonstruiert nach aller Kunst der Sprachwissenschaft die Wurzel und die ist +is. Isar, Eisach, Isère usw.
Innerhalb dieser Forschung entdeckte er weitere Wortbausteine:
bask. ibar heute ‘Tal, Flußmündung’
bask. ibai ‘Fluß’
Das sind heute Ortsnamen, die alle auf die Wurzel ibar zurückgehen; der Fluss Ebro in Spanien ist auf diese Weise mit der Ebrach in Ebersberg verwandt.

bask. ara, aran ‘Tal’
Dasselbe gilt für Ortsnamen, die auf die Wurzel ara, aran zurückgehen. Ara oder aran bedeutet im heutigen Baskisch 'Tal'. Und wie sollte es anders sein, alle Ortsnamen, die diese Wurzel haben, benennen ein Tal.
Vennemann gelangte daher zur Überzeugung, dass während der letzten Eiszeit die Menschen in Südfrankreich eine Vorstufe des heutigen Baskisch gesprochen haben müssen. Als diese Menschen nach der Erderwärmung Europa wieder dauerhaft besiedelten, benannten sie die durch Eisschmelze neu entstandenen Örtlichkeiten in ihrer Sprache. Vennemann nennt diese Vaskonisch.
Diese alteuropäische Sprache (früher Indogermanisch), die also ihre Spuren in den Ortsnamen bewahrte, konnte von den später dort einwandernden Völkern, die eine andere Sprache hatten - aus der Indogermanischen Sprachfamilie - , nicht verstanden werden. Aber wir wissen, dass Ortsnamen erhalten bleiben, auch wenn sich die Sprache in einer Region ändert. Denken wir an Mississippi, ein alter vorkolumbianischer Flußname in Amerika, der bis zum heutigen Tag von den Anglo-Amerikanischen Sprechern benutzt wird. Wie sollte man sich auch sonst verständigen. Viele Beispiel auf der Welt.
Das erklärt auch, warum z.B. aran für 'Tal' zu Ahrntal in Südtirol wurde. Das alte Wort aran ist einfach als ein Name übernommen worden, den die indogermanischen Sprecher nicht verstehen konnten. Damit haben wir eine doppelte Bezeichnung für ein und dasselbe Objekt. Dieses Phänomen ist recht häufig. (Lake Chiemsee)

Außerhalb der Ortsnamen gibt es in den Sprachen Europas auch noch einige Wörter, die Vennemann aus dem Vaskonischen zu rekonstruieren glaubt. Ab Seite 429 meines Buches finden Sie eine Liste davon.

Laut Venneman haben wir noch ein weiteres Erbe von den Vaskonen. Es ist das Zwanziger-Zählsystem. Das heißt, man zählt in Zwanziger-Schritten. Wer von Ihnen Französisch spricht, kennt diese Qual. Quatre-vingt 'vier zwanzig' bedeutet achtzig, und quatre-vingt-dix 'vier zwanzig zehn' bedeutet neunzig usw.
Die blau gefärbten Regionen auf der Karte zeigen an, wo das Zwanziger-Zählsystem teilweise benutzt wird, wie im Französischen, da ist es nicht durchgehend. Während die rote Einfärbung die 100 %-ige Nutzung des Zwanzigersystems darstellt. Das sind: Tahelhit, eine Berber Sprache, und das Baskische.
Dazwischen gibt es, wie Sie sehen, verschiedene Abstufungen mit erhaltenen Resten des Zwanziger-Zählsystems. Mehr dazu finden Sie in meinem Buch.
Welchen Schluss dürfen wir ziehen? Die Träger des Magdalénien, die Jäger und Sammler waren, sprachen eine alte Form des Baskischen und hatten das Zwanzigersystem. Vennemann nennt sie Vaskonen.

Sie werden sich wohl fragen: „warum sprechen wir heute nicht mehr Baskisch?“
Es ist bekannt, dass sich das Gebiet, in dem Baskisch je gesprochen wurde, kontinuierlich verkleinerte. Dieser Schrumpfungsprozess dürfte sehr früh begonnen haben. Wir können also davon ausgehen, dass Baskisch in früheren Zeiten in einem sehr viel größeren Gebiet verbreitet war, etwa in der gesamten Region, in der die Alteuropäischen Ortsnamen zu finden sind - Sie erinnern sich an die Karte.
Aber warum gab es dieses Schrumpfen?

Es hieß bis vor Kurzem, dass die Jäger und Sammler der Steinzeit die Gebiete dünn besiedelten und die Welle der Landwirtschaft einfach über sie hinwegschwappte. Die Träger der neuen Kultur hätten sie einfach absorbiert und stülpten ihnen gleichzeitig ihre Sprache auf. Man vermutet Indogermanisch.
Um das zu überprüfen, ziehen wir die Archäogenetik zu Rate. Dieser Begriff wurde von Lord Colin Renfrew geprägt. Darunter versteht man die Anwendung von Techniken der Molekularen Populationsgenetik zur Erforschung der Menschheitsgeschichte. Klingt kompliziert. Die Gene werden erforscht.
Ich zeige hier die Ergebnisse eines Genetiker Teams um Peter Forster in Cambridge. Er hat eine neue Methode zur Rekonstruktion genetischer Stammbäume entwickelt, die nur aus nichtrekombinierender DNS rekonstruiert werden können. Diese DNS finden wir in den Mitochondrien.
Was sind Mitochondrien?
Alle Lebewesen, auch Pflanzen tragen in ihren Zellen unzählige Mitochondrien. Man vermutet, dass diese Zellen in Urzeiten eigenständige Bakterien waren. Heute können diese Organellen nur innerhalb von Organismen existieren und ihre Wirte, also wir Menschen z.B., nicht ohne sie. Die Mitochondrien sind der Energielieferant der Zellen. Sie haben noch zahlreiche andere wichtige Funktionen, aber wir konzentrieren uns jetzt nur auf einen bestimmten Abschnitt des DNS-Codes.
Die Mitochondrien vermehren sich durch Zellteilung/Verdoppelung, quasi durch Klonen. Ihre Nachkommen sind eine einszueins Kopie von ihnen.
Da in 99% der Fälle die Kinder die Mitochondrien ausschließlich von ihrer Mutter erben, zeichnet die DNS der Mitochondrien eine direkte mütterliche Abstammungslinie.


Mit diesem Comic möchte ich Ihnen den Unterschied von rekombinierender und nicht rekombinierender DNS verdeutlichen. Die "Personen" sind die Chromosomen und tauschen "Körper"-teile aus bei jeder Generation. Der "Busfahrer" stellt die Mitochondrie dar. Sie bleibt immer gleich.


Dasselbe kann man auch mit Familiennamen verdeutlichen. Darauf brachte mich der Genetiker Peter Forster in Cambridge.
Wenn Mitochondrien sich verdoppeln, wird ihre DNS kopiert. Und wie beim Abschreiben von Buchstaben können auch hier Fehler passieren. Diese Fehler nennt man Punktmutationen. Sie werden von Generation zu Generation weitervererbt und sammeln sich mit der Zeit an.
Werden diese Punktmutationen mit Raum und Zeit in Beziehung gebracht, können wir Migrationen rekonstruieren.
Wohl gemerkt: Wir rekonstruiren die Vergangenheit anhand der Gene von heute lebenden Menschen.
Eine Einschränkung ist bei Stammbäumen aus der Mitochondrien DNS zu machen. Wir können nur eine kleine Auswahl von Menschen ermitteln. Das konnten Sie am Familienstammbaum sehen. Die rote Linie am rechten Rand ist die Mitochondrien Linie. Alle Vorfahren in der Mitte, und das ist der weit größere Teil, bleiben bei dieser Methode im Dunkeln.

Schematische Darstellung eines Stammbaums aus nicht rekombinierende DNS. Stäbchen Speichelprobe.

Die von mehreren Menschen geteilten Mutationen werden verbunden und zeitlich aufgereiht.
D.h. Uns verbinden die Mutation, die wir von einem gemeinsamen Vorfahr geerbt haben, und uns trennen diejenigen Mutationen, die bei unseren Tanten und Cousinen erfolgten und in andere Regionen wanderten.


Das ist derselbe Baum mit anderer Gewichtung. Die Wurzel ist auf der Nucleotidposition 00073. Die Fläche jedes dieser Kreise verhält sich direkt proportional zur Zahl der getesteten Personen. Klein bedeutet wenig, größer heißt mehr Individuen. Die Farben beziehen sich auf dieser Graphik auf die Regionen, wo diese Proben genommen wurden. Auf den ersten Blick fällt uns diee sternförmige Anordnung auf, die den Gründereffekt nach der Eiszeit zeigt. Diese Netze entstehen durch Rück-Mutationen, die natürlich den perfekten Baum stören.
Hier ist eindeutig die Linie H dominant.


Und hier zeige ich die Wanderung von A nach B anhand einer speziellen Linie. Es ist ein glücklicher Zufall, das diese Linie so klare Ergebnisse liefert. Und diese Mutationen beweisen die Auswanderung aus dem Eiszeitrefugium.
Die Mutation, aus der U entstanden ist, haben all diese Menschen gemeinsam. Sie ist die älteste dieser Linie. Die erste Mutation, die nach der Eiszeit aus U hervorging, ist U5 und wurde bei Menschen innerhalb und außerhalb des Ausgangspunktes/Eiszeitrefugiums gefunden.
U5b ist ein Ableger von U5 und wurde in einem größeren Gebiet mehr östlich ausgemacht.
U5b1 geht aus U5b hervor und ist nur im fernen Norden vorhanden. Das weist ganz eindeutig auf die Migration von A nach B hin. In unserem Fall war es das Ausschwärmen vom eiszeitlichen Rückzugsgebiet aus nach Mittel- und Nordeuropa.
Was können wir nun aus den genetischen Studien zur Frage der Migrationen in Europa nach der Eiszeit lernen? Auf jeden Fall hat sich die Kolonisierung Europas nach der Eiszeit, die durch die carbon-datierten Funde des Magdalénien beschrieben wurde, in der Genetik bestätigt. Ebenfalls ist Vennemanns Hypothese der Ortsnamen damit stärker untermauert.
Als Vennemann bei seinen Studien die Wiederbesiedelung von Südfrankreich aus in Betracht zog, kannte er weder die Carbon-Datierungen des Magedalénien noch die hier beschriebenen genetischen Studien. Die kamen sowieso später. Und das ist eine wissenschaftliche Sensation:
Drei Wissenschaftsdisziplinen,
Archäologie, Sprachwissenschaft und Genetik,
die unabhängig von einander und in gänzlich anderem Ansatz
zu demselben Ergebnis gelangen, was die Wiederbesiedelung Europas nach der Eiszeit betrifft.
Wir Europäer haben fast 70% unserer genetischen Mitochondrien Linien mit den Basken gemeinsam. Das haben wir an den Säulen sehen können. Wir sind genetisch gesehen zu 70% Basken. Es liegt nahe, dass unsere Vorfahren in früheren Zeiten auch ihre Sprache sprachen - Stichwort Ortsnamen.
Die Hypothese, dass die Träger der Landwirtschaft die wenigen Jäger und Sammler der Steinzeit absorbiert hätten, ist damit widerlegt. Die späteren Einwanderungen waren zahlenmäßig geringer. Ob die Indogermanen Träger der Landwirtschaft und Viehzucht waren, ist bis heute nicht gesichert.
----------------------------
Die Basken waren unendlich stolz als unser Artikel in der spanischen Ausgabe von Scientific American veröffentlicht wurde. Sogar das spanische Fernsehen soll davon berichtet haben.
Man muss es als günstigen Zufall ansehen, dass ein ehemals klimatisches Refugium bis heute als Refugium erhalten blieb. Im Falle der Basken ist es bis heute ein sprachliches und kulturelles Refugium.
Sie fragen sich vielleicht: Warum waren die Vaskonen die schnellsten bei der Wiederbesiedelung Europas? Weil der Weg frei war. Die Alpen waren noch lange von Gletschern bedeckt. Auch vom Osten her war der Weg nicht so schnell frei.













